Skurrile Beschlussvorlage zum Dessau-Center


Liebe Bürgerinnen und Bürger,

eigentlich hätte es am 10. Dezember mit der letzten Stadtratssitzung einen ruhigen kommunalpolitischen Jahresausklang geben können. Die Haushaltsplanung für 2026 war fristgerecht abgeschlossen und konnte vom Stadtrat verabschiedet werden. Wer sich mit Grauen an die chaotische Arbeitsweise der Stadtverwaltung im Vorjahr erinnert, als erst nach fast fünf Monaten Verzug der Haushaltsplan beschlussreif war, weiß diesen Sachverhalt gebührend zu schätzen. Doch im Vorfeld dieser Sitzung kam es zu einem unerwarteten und unverständlichen Antrag.

Skurrile Beschlussvorlage zum Dessau-Center

Völlig überraschend brachte die Stadtratsfraktion „Pro Dessau-Roßlau“ eine Beschlussvorlage zur Nachnutzung des seit längerem leerfallenden Einkaufszentrums an der Museumskreuzung ein, was viele Stadträte und vor allem die Bürger unserer Stadt mit Fassungslosigkeit zur Kenntnis nahmen. Denn laut dieser Beschlussvorlage sollte sich die Stadt nach einem Komplettumbau des Dessau-Centers mit einer Schule, der Musikschule, einem Multifunktionssaal und dem gesamten „Technischen Rathaus“ dort einmieten!

Die Stadt, wir Steuerzahler also, sollten den privaten Investoren/Eigentümern unter die Arme greifen, die sich schwer verspekuliert haben. Welch aberwitziger Vorschlag! Nachfolgend einige Fakten.


Entgegen jeder städteplanerischer und marktwirtschaftlicher Vernunft und mit massiver Hilfe von Ex-Oberbürgermeister Hans-Georg Otto sowie Baudezernent Karl Gröger wurde in einer eklatant schrumpfenden Stadt neben den bereits vorhandenen Einkaufstempeln Rathaus-Center, Junkerspark, Kaufland-Center Mildensee und anderen ein weiterer, das Dessau-Center mit 34 Läden auf 14.000 Quadratmetern Verkaufsfläche, errichtet.

Dessau hatte seit 1972 stets über 100.000 Einwohner. Am 31. Dezember 1989 waren es 101.262. Seit der Wende 1990 bis 2004 reduzierte sich diese Einwohnerzahl im Durchschnitt jährlich um 1.591. Auch die Eingemeindung Rodlebens 2005 und der Zusammenschluss mit Roßlau 2007, ein Plus von insgesamt 13.507 Einwohnern, konnten den dramatischen Abwärtstrend nicht nachhaltig stoppen. Selbst der Zustrom von Flüchtlingen ab 2015 verbesserte die Situation nicht. In den letzten sieben Jahren ging es jährlich um durchschnittlich 1.033 Einwohner weiter kräftig nach unten und auch die Prognose der Bertelsmann Stiftung sieht düster aus: Nur noch 68.380 im Jahr 2030, Tendenz danach weiter stark fallend.

Vor dem Hintergrund dieser demographischen Entwicklung war es 2007 unvernünftig und unverantwortlich, den Bau des Dessau-Centers zu genehmigen. Das unternehmerische Risiko muss jedoch allein der private Investor/Eigentümer tragen!

Unsere Stadt Dessau-Roßlau ist personell und finanziell außerstande, in eine Umnutzung des Dessau-Centers einzusteigen. Die Sanierung des hochverschuldeten Klinikums, die ständige Stützung der schwächelnden DWG, der Unterhalt des immer teurer werdenden Anhaltischen Theaters und die großen Aufwendungen für die BUGA 2035, um nur die allergrößten Brocken zu nennen, erfordern alle Kraft, die wir hoffentlich leisten können. Auch das „Technische Rathaus“ nach Dessau zu verlagern und sich dort einzumieten, ist völlig abwegig, da wir im Stadtteil Roßlau über bestes und modernstes Eigentum verfügen, das den Mitarbeitern dort exzellente Arbeitsbedingungen gewährt, einschließlich der Archivierung aller Bauunterlagen.

Die Stadtverwaltung selbst hat in ihrer Stellungnahme der vorgeschlagenen Nutzung des Dessau-Centers als Bildungs- und Verwaltungscampus eine unmissverständliche Absage erteilt. In dieser ausführlichen und kompetenten Expertise wurden viele gute Gründe genannt, die in der Feststellung münden, dass bei grundlegenden Revitalisierungsbemühungen von Spezialimmobilien, wie es die des Einkaufscenters an der Museumskreuzung nun einmal wäre, ein Rück- und Neubau einfacher und billiger ist, als ein komplizierter und teurerer Umbau. Natürlich nur in Regie und zu Lasten des privaten Eigentümers.

Die Beschlussvorlage der Fraktion „Pro Dessau-Roßlau“ wurde noch in der letzten Stadtratssitzung von den Einreichern zurückgenommen und zwar nicht nur von der Tagesordnung der Sitzung, sondern gänzlich. Der Widerstand von den Stadträten und der Stadtverwaltung war einfach zu groß und ein Scheitern vorhersehbar – und das ist gut so!

Hans-Peter Dreibrodt
Stellvertretender Fraktionsvorsitzender